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Klaus Spencker Trio – December

In unruhigen und lauten Zeiten wie diesen verschafft man sich am besten mit leisen Tönen Gehör.

Klaus Spenckers Ton ist weich, transparent und klar. Er spielt Gitarre, und doch scheint es, als würden seine Töne nicht aus dem Holz und Stahl seines elektrischen Instruments fließen, sondern direkt aus ihm selbst. Sein neues Album trägt den stimmungsvollen Titel „December“, aber er beschreibt weniger die klirrende Kälte, die man schlechthin mit dem ersten Wintermonat verbindet, als vielmehr die wohligen Erinnerungen und Sehnsüchte, die sich in diesen lichtarmen Tagen einstellen. Jazz, der aus der Wärme kommt.

Klaus Spencker besetzt ein Terrain, das auf der an guten Gitarristen nicht eben gesegneten deutschen Jazzszene noch unbesetzt ist. Sein sanftes Kolorit funktioniert wie ein Aquarell. In seiner Jugend beschäftigte sich Spencker vor allem mit Folk und akustischer Musik. Zum Jazz kam er nicht zuletzt durch den Einfluss von Klangimpressionisten wie Pat Metheny und John Abercrombie, deren Geschichten immer ein Stück über das im Jazz Absehbare hinausgehen. „Darüber hinaus ist meine ganze Tonbildung sehr von der akustischen Gitarre geprägt, weil ich in den ersten Jahren Unterricht auf der Konzertgitarre hatte“, rekapituliert Spencker. „Das hat meine Arbeit mit der linken und rechten Hand, meinen Anschlag und meine Tonbildung geprägt. Mir wurde oft nachgesagt, wenn ich begleite, klinge das wie ein E-Piano oder Klavier. Tatsächlich habe ich mich während des Studiums auch intensiv mit Bill Evans beschäftigt.“

Der Name Klaus Spencker klingt in der Jazzgemeinde relativ neu, dabei hat er in den neunziger Jahren in Boston am renommierten Berklee College studiert und nach seiner Rückkehr auch das hiesige Pflaster unsicher gemacht. Doch irgendwann fühlte er sich in der engen Jazznische nicht mehr wohl, legte die Gitarre für Jahre aus der Hand und arbeitete erfolgreich als Designer. Das hat ihn geerdet. Wenn er jetzt höchst motiviert durchs Jazztor zurückkehrt, betrachtet er diese Musik aus einem anderen Blickwinkel. „Diese Auszeit hat mich ins Leben zurück versetzt. Ich empfand es als Bereicherung, in einem Leben, das von Stress und Fremdbestimmung geprägt ist, zu bestehen und persönliche Erfolge zu feiern. Die Freiheiten des Musikerlebens weiß ich zu würdigen, aber sie haben auch ihren Preis. Das war ein ziemliches Einzelkämpferdasein. Obwohl man oft mit anderen Musikern spielt, bewegt man sich gesellschaftlich in einer Luftblase. Plötzlich spürte ich wieder meine Spielräume in der normalen Welt.“

So wurde Spencker ein Geschichtenerzähler. Die Titel seiner neuen CD zeugen von Bewegungen in der Zeit und dem Wechsel der Jahreszeiten. Seine Erfahrungen als Designer blendet er in seinen Songs nahezu komplett aus, denn als Musiker werden ihm die Geschichten nicht von externen Auftraggebern vorgegeben. Seine Storys kommen jedoch auf ganz unterschiedlichen Wegen zu ihm. „Wenn ich mich mit der Gitarre hinsetze und mal Zeit zum Schreiben habe, ist das wie ein riesiger Tisch, auf dem ein Haufen Postkarten, Bilder, Briefe, Zeitungsschnipsel und Zweige, die mein Sohn aus dem Wald mitgebracht hat, liegt. Anfangs schreibe ich nur Skizzen und Formen auf, aber irgendwann macht es Klick und die Geschichten nehmen Gestalt an. Das kann an einem Morgen passieren, an dem alle anderen noch schlafen und aus den Schnipseln und Ideen, die man am Vortag im Bus hatte, ein Stück wie December entsteht. Manchmal nimmt man sich vor, eine bestimmte Geschichte durchzuspielen, ein andermal ist das Stück plötzlich da.“

„December“ ist bei aller Leichtigkeit und Unaufdringlichkeit auch ein Dokument des Kampfes eines individuellen Künstlers mit dem Gepäck der Tradition. Spencker hat es sich weiß Gott nicht leicht gemacht. Als Deutscher, der an Amerikas wichtigster Jazzkaderschmiede ausgebildet wurde, muss man erst mal wieder in Deutschland Fuß fassen können und Dinge kommunizieren, die für die Menschen hier relevant sind. Denn nirgendwo ist die Jazzerfahrung so intensiv wie im Mutterland des Jazz. „Am College ist man ganz anders eingespannt als hier. Man will auch was leisten, denn man hat ja etwas dafür bezahlt. Irgendwann kristallisiert sich dann etwas heraus, worauf vorsichtig mit Bleistift geschrieben steht: ICH. Daran will ich heute wieder anknüpfen. Aber man merkt in Amerika auch, dass das Leben dort ganz anders funktioniert. Ich bin als Deutscher nicht in dieser Tradition aufgewachsen, habe aber trotzdem dort Jazz gespielt. Man beginnt sich zu fragen, ob man in diesem Umfeld überhaupt eine Chance hat. Wenn man dann nach Deutschland zurück kommt, macht es wenig Sinn, den Amerikaner rauszukehren.“

Kommunikation im unmittelbaren Lebensumfeld spielt somit für Spenckers eine elementare Rolle. In seinem Trio mit Bassist Marc Muellbauer und Drummer Heinrich Köbberling verschmelzen Traum und Professionalität. „Mit diesen beiden Musikern habe ich eine enge persönliche Beziehung“, jubiliert der Gitarrist. „Marc Muellbauer habe ich irgendwann mal auf einer Session kennengelernt. Die Chemie hatte sofort gestimmt. Er arbeitet stets extrem aufbauend, kritisch und unterstützend. Bei Heinrich Köbberling ist es ähnlich. Als ich sie anrief, waren sie sofort mit dabei. Ich hoffe, ich kann noch viel mit den beiden machen.“ Dem steht wohl nichts im Wege, denn mit „December“ hat Spencker seinen Claim auf den Goldfeldern des deutschen Jazz unüberhörbar abgesteckt.

Wolf Kampmann

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