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agas’ Album des Monats (November 2010)

Quelle: www.agas-schmitz.com

Klaus Spencker ist wieder da –
mt einem saisonübergreifenden Winter-Album

I’ll Remember December

Manche Gitarristen von Rang haben ganz bestimmte Erkennungsmerkmale, die man Stilelemente nennt, und Jazz-Insider könnten aus dem Hut wahrscheinlich mehr als ein Dutzend nennen, die „Typisches“ aufzubieten haben. Bei Klaus Spencker ist das, wenn man genauer hinhört, auch eine ganze Menge, die da zusammen kommt. Als ich meine Besprechung dieser Platte fürs Jazz Podium schrieb und da sehr darauf achten musste, den Text so konzis wie möglich zu halten, wählte ich die Pars-pro-toto-Methode und nannte gleich zu Anfang die Enden seiner Phrasen, die er gern und souverän mit Glissandi gestaltet, up, down, up, fast wie Pralltriller in Zeitlupe, die ihn unterscheiden von denen, die sich zuvörderst an der Phrasierungssprache der Bläser orientieren, in der es am Schluss gern abwärts geht. Bei Klaus geht’s kurz abwärts und dann wieder hinauf. Das mag er, und ich glaube, es gibt hierzulande niemanden, der das gekonnter handhabt, als er. Man könnte noch anderes aufzählen, dass nicht so ohrenfällig ist, eine gewisse Melancholie, die als Grundstimmung seine Arbeit durchzieht und die mich sehr für ihn einnimmt.

17 Jahre ist das nun schon her, dass Klaus für Heiner Franz‘ Jardis-Etikett sein Album „Invisible“ im Trio mit Olaf Casimir und Willi Hanne eingespielt hatte, ein wunderbares, unvergessliches Album, das für mich gekennzeichnet war von großer Sensibilität, aber auch großer Geradlinigkeit und Bestimmtheit, so dass sein Spiel immer ganz stark in der Aussage, aber sanft und elegant in der Art der Aussage wirkte. Das war eine sehr poetische Art, Jazzgitarre zu spielen, damals schon. An „Somewhere in America“ erinnere ich mich nicht; ich weiß nicht, ob ich diese Platte in meinem Archiv habe; ich glaube nicht. Und so war er, zumindest von mir aus gesehen, nach „Invisible“ irgendwie „weg“, verschwunden, zurückgezogen aus welchen Gründen immer; nur mochte ich nicht glauben, dass ein solch feinsinniger Spieler vielleicht nur ein, zwei Alben servieren und sich dann für immer vom Acker machen wollte.

Aber nun ist er wieder da, plötzlich ist er da, und Insider reiben sich die Ohren ob der Schönheit dieses neuen Albums, das er im Sommer 2009 wieder im Trio, nun aber mit Marc Müllbauer am Bass und Heinrich Köbberling am Schlagzeug eingespielt hat. „December“ ist Klaus‘ Entrée auf dem Label A-Jazz und in Jürgen Czischs nrw-Vertrieb in MeckPomm. Der Titel passt zur Jahreszeit, als ich das hier schreibe (am Reformationstag), und er passt zu der Melancholie, die ich schon damals herausgehört zu haben glaube, aber dennoch enthält „December“ [A-Jazz A5003] keine schwermütigen Botschaften, sondern so ziemlich das Gegenteil: Klaus Spenckers Dezember ist ein Monat, der Seele und Sinne erwärmt. Das ist, schrieb ich im Podium, die „Botschaft eines Künstlers, den man lieben muss.“

„December“ enthält neun Stücke, alle relativ lang, zwischen fünfeinhalb („Intercity Blues“) und knapp neun Minuten („This Morning“). In vieren der Stücke spielt Klaus akustisch, im Rest Archtop und mit dem reinen, feinen Klang des Schöngeists, der seine Wurzeln ganz tief im Mainstreamjazz hat. Seit Manfred Junker und Susan Weinert interessiert mich allerdings die Steelstring-Flattop ganz besonders, weil sie allemal für Überraschungen gut ist, wenn sie im Jazz eingesetzt wird. Es hat halt seine Vorteile, in Zeiten zu leben, in denen „alles erlaubt“ ist. Und insofern ist für mich Klaus‘ Flattop-Fassung von Neal Heftis unüberbietbarem Hit „Girl Talk“ durchaus eine kleine Sensation, eine wundervolle Überraschung, ein Genre-Edelstein oder, besser, ein wie schwerelos hingetupftes Bild aus verhältnismäßig wenigen feinen Strichen.

Er spielt die Flattop völlig anders als die Archtop (oder was immer sein elektrisches Instrument sein mag), viel pianistischer, also: viel mehr mit Akkorden durchsetzte, nie sonderlich lange oder „vereinsamende“ Linien und damit auch orchestraler, mir größerer Fülle, obwohl doch da auch Müllbauer und Köbberling als Tipptopp-Rhythmusgruppe dabei sind. Da gibt er der Gitarre also an „vertikaler“ Fülle zuhauf zurück, was er ihr in den verstärkt gespielten Stücken zugunsten merklich längerer (aber nie zu langer) Linien sozusagen vorenthält. Warum er das tut, weiß ich nicht. Was ich glaube ist, dass die Flattop regelrecht dazu verführt, sie akkordischer (aber nie nur akkordisch) zu spielen; dass sie eigentlich viel geeigneter ist für gepflegtes chord melody playing, was ja auch nicht meint, Melodien zu hundert Prozent mit Akkorden aufzufüllen.

Quantitativ weniger zu tun haben Bass und Schlagzeug deshalb in den Flattop-Stücken noch lange nicht, höchstens in dynamischer Hinsicht. Und à propos Dynamik: Davon wird allerhand verlangt in dem einzigen Stück, das überhaupt nicht ins Stückeraster passen will, ein ziemlich deplatzierter Zerrer-Fetzer namens „Voyage“. Der aber lässt sich recht leicht wegstecken, wenn man den erwähnten „Intercity Blues“ hört, einen wunderbar swingenden Trumpf, den solch ein Ideal-Trio gar nicht besser würde ausspielen können. Ja, und dann ist da noch der Standard „I’ll Remember April“, und das ist nun ein richtiges Lehrstück in postmodernem Mainstream. Und natürlich der Titelsong, wieder auf der Akustikgitarre – ein ganz und gar impressionistisch leises Balladen-Meisterwerk, das allein schon das ganze Album Wert ist.

Solch einen Dezember lob‘ ich mir. Im Januar, im Februar, im März und so weiter,  und so weiter. Von diesem Album bleibt sehr viel haften. Nicht nur wegen der, äh, Phrasenendglissandi.